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Schnelles Ende

28. Februar - 26. März 2020

Toluca - Mexiko-City - Deutschland

Geradelte Strecke: Insgesamt 3661 km

Das unerwartete und plötzliche Ende einer Reise.

Als wir Toluca de Lerdo, eine große Stadt etwa 60 km südwestlich von Mexiko Stadt, erreichen, ahnen wir noch nicht, dass dies unser letztes Etappenziel auf dieser Tour sein würde und uns ziemlich turbulente Tage und eine Fahrt auf einem verrückten Gefühlskarussell mit sich ständig abwechselnden Höhen und Tiefen bevorstehen werden.

Zunächst ist unser größtes Problem aber eigentlich nur ein verhältnismäßig kleines, im Gegensatz zu denen, die noch folgen werden. Allerdings wissen wir das in diesem Moment noch nicht. Und zwar haben wir diesmal mit unserer Internet-Zimmerbuchung zum ersten Mal richtiges Pech, denn vor Ort stellt sich heraus, dass die Vermieter nicht korrekte Angaben zum Standort gemacht haben, sodass die Unterkunft fälschlicherweise auf der Suchseite für Toluca erscheint, aber tatsächlich sich 700! km entfernt, in einer ganz anderen Stadt befindet. Ehe das aber klar ist, haben wir endlose 3 Stunden Wartezeit mitten in der Stadt hinter uns und müssen nun noch mal ein paar weitere Kilometer in das Ausweichquartier an den Stadtrand radeln.

oe6 7 1 Der März beginnt. Wir beschließen den gesundheitlichen Beschwerden von Mathias, die er auf den zurückliegenden Bergetappen hatte, nachzugehen und wollen einen Arzt in der Stadt konsultieren. Wir mieten uns zentrumsnah eine hübsche kleine Wohnung, in der wir uns auf Anhieb wohl fühlen und warten das Wochenende ab. Am Montag geht es dann in ein nahes Krankenhaus. Etwas unsicher sind wir, denn obwohl Mexiko bisher von dem zurzeit weltweit grassierenden Coronavirus weitgehend verschont geblieben ist, ist er dennoch auch hierzulande in aller Munde und man sorgt sich dementsprechend. Was passiert nun also, wenn da zwei Touristen daherkommen und unter anderem Atemprobleme und Husten haben? Nicht, dass man uns kurzerhand in Quarantäne steckt!?

Nachdem wir unser Anliegen mühsam in Spanisch geäußert haben - was zu unserem Erstaunen sogar schnellen Erfolg hat, widmet sich eine junge Ärztin Mathias, die nach etwas Abhorchen und Blutdruckmessen zu der Erkenntnis kommt, dass ein erhöhter Blutdruck die Ursache ist und uns mit einem Rezept für ein blutdrucksenkendes Medikament wieder entlässt. Nun, so richtig zufrieden sind wir mit dem Diagnoseverfahren nicht. Als wir am nächsten Tag zurückkommen, um Kontrollieren zu lassen, ob das Medikament wirkt, überlässt man uns uns selbst, nachdem die Messung kaum eine Besserung aufwies.

Wir haben aber ohnehin schon einen Plan B und steuern geradewegs die nahe Praxis eines Kardiologen an. Der nimmt sich viel Zeit. Überprüft abermals alle möglichen Werte, horcht Herz und Lunge ab und macht ein EKG. Alles ist glücklicherweise unauffällig, bis auf den Blutdruck, der noch immer zu hoch ist. Er bemerkt aber auch, dass die Höhenlage, die Ursache der Beschwerden sein kann, denn immerhin läge Toluca 2700 m hoch! Das ist schon möglich, doch sind wir ja nicht das erste Mal in solchen Höhen unterwegs und zudem nun schon seit Wochen regelmäßig immer mal wieder über 2000 m hoch, ohne je derartige Beschwerden gehabt zu haben. Dennoch verlassen wir nun etwas beruhigter die Praxis.

oe6 7 1 oe6 7 1Nach einer knappen Woche Pause in Toluca steigen wir wieder auf die Räder, in der Hoffnung, dass es nun wieder besser rollt. Aufgrund der gesundheitlichen Beeinträchtigungen von Mathias ändern wir aber unsere eigentlich geplante Route und beschließen stattdessen zunächst die kürzeste und einfachste Strecke wieder hinunter in tiefere Höhenlagen zu nehmen. Also soll es erst mal Richtung Pazifikküste gehen. Doch egal welche Route wir nutzen werden, es geht dabei unweigerlich durch Berge. Mehrere 1000 Höhenmeter und mindestens 500 km müssten bezwungen werden, um endgültig wieder mehr Sauerstoff in der Luft zu haben.

Wir wollen es langsam angehen und hoffen, dass die Ruhetage in Toluca ausreichend waren, um neue Kraft zu tanken. Doch wir haben uns geirrt. Schon auf den ersten wenigen Kilometern, wir haben noch nicht mal den Stadtrand erreicht und nicht einen einzigen Höhenmeter bezwungen, ist für Mathias das Vorwärtskommen eine Qual. Er hat kaum Kraft, um ein normales Tempo zu halten und zudem massive Luftprobleme. Langsam wird dieser Zustand nun doch beängstigend! Was tun? Die nächsten größeren Orte auf der Strecke, um eine evtl. weitere ärztliche Konsultation vornehmen zu können, sind nicht so schnell wieder erreichbar.

Wir wollen nichts riskieren, kehren lieber wieder um und buchen uns erneut für ein paar weitere Tage eine Unterkunft in der Stadt, um in Ruhe zu überlegen, was nun geschehen soll. Mathias versucht, mit Gymnastik seine Muskulatur zu lockern, um so den Atemproblemen vielleicht entgegenzuwirken. Doch es hilft kaum.

oe6 7 1 oe6 7 1Stattdessen wird zwei Tage später die Luftnot so bedrohlich, dass wir Hals über Kopf eine Klinik aufsuchen. Unsere Vermieter helfen uns in diesem Moment wirklich sehr, indem sie uns ruckzuck in ihr Auto laden und ein geeignetes Hospital ansteuern. In der Notaufnahme vom Centro Médico GIN geht dann alles ganz schnell. Sauerstoffzufuhr und einige Medikamente können erst mal die gröbsten Beschwerden lindern. Nun wird sehr gründlich und hintereinanderweg ein Diagnoseprogramm gestartet. Nix, von wegen volles Wartezimmer und keine Zeit. Wir haben nahezu die volle Aufmerksamkeit des gesamten Personals. Aber es entgeht uns nicht, dass, so nach und nach, alle um uns herum plötzlich Mundmasken tragen und viele Fragen auch in die Richtung gehen, wo wir uns in den letzten Wochen aufgehalten haben und mit wem wir Kontakt hatten. Das schwächt dann aber etwas ab, als wir zu verstehen geben können, dass wir uns nun schon fast 4 Monate im Land aufhalten, also bereits eingereist sind, lange bevor irgendwer auf der Welt, von dem sich derzeit ausbreitenden Virus Kenntnis hatte.

Alles etwas schwierig, wenn man die spanische Sprache nur bruchstückhaft beherrscht und vor Aufregung sich kaum noch an die bereits gelernten Vokabeln erinnern kann. Doch dank Google Translate, können ein paar Verständigungsschwierigkeiten überwunden werden und irgendwann hat man dann im Haus einen jungen Arzt gefunden, der nun etwas die Kommunikation auf englisch übernimmt. Er wird uns auch in den folgenden Tagen, hin und wieder, weiter als Übermittler zur Seite stehen.

Nach vielen Untersuchungen, Röntgenaufnahmen, EKG, Bluttest usw., und unter Hinzuziehung von zig verschiedenen Ärzten, stellt sich heraus, dass die Lungenfunktion stark beeinträchtigt ist, und man vermutet eine Lungenentzündung. Herrgott noch mal, wie kann er sich denn so etwas eingehandelt haben? War es der viele stickige Dieseldreck auf den dicht befahrenen Straßen zuvor?

Mathias wird stationär aufgenommen und wir ziehen in ein modernes Einzelzimmer. Recht luxuriös, verglichen mit dem, was einem deutschen Kassenpatienten so zusteht. Diesen hohen Standard hätten wir nicht wirklich hier in Mexiko erwartet. Aber was hatten wir auch für ein Glück, dass uns die hilfsbereiten Vermieter gleich ins richtige Krankenhaus gebracht haben. Der Mann, Carlos, wartet die ganze Zeit, mehrere Stunden, draußen auf dem Flur und lässt sich erst nach mehreren Versuchen davon überzeugen wieder heimzufahren. Das Klinikpersonal möchte, dass Petra auf alle Fälle rund um die Uhr mit da ist und es scheint in Mexiko durchaus üblich, dass Angehörige ebenfalls mit in der Klinik bleiben. Daher steht auch das Nötigste für sie zur Verfügung in Form von ausklappbaren Sesseln und Decken.

Nach einer Computertomografie gibt es dann aber am nächsten Tag die endgültige Diagnose: Es ist eine Lungenembolie. Im Vergleich zur bisher vermuteten Lungenentzündung, klingt das nun aber auch nicht besser, eher im Gegenteil.... Man zeigt uns die Aufnahmen - es wäre deutlich zu sehen, wie große Teile der Lunge betroffen sind. Wir erkennen zwar nichts, aber der Schreck ist groß!

In den folgenden Tagen wird nun versucht mit blutverdünnenden Medikamenten das Blutgerinnsel aufzulösen. Literweise laufen irgendwelche Mittelchen in Mathias Arme und dazu kommen diverse andere Spritzen und Tabletten. Solange er ruhig im Bett liegt und über eine Maske Sauerstoff bekommt, halten sich die Beschwerden in Grenzen. Doch bei der kleinsten Anstrengung ist die Atemnot wieder da. Zudem bleibt der Blutdruck, von allen Maßnahmen unbeeindruckt, weiter hoch.

oe6 7 1Als nach drei Tagen keine echte Besserung zu verzeichnen ist, rückt man mit intensiveren Mitteln dem Übel zu Leibe. Mittels eines Katheders wird nun durch eine Vene ein Medikament direkt an den Ort des Geschehens, in die Lunge, gebracht und auf dem gleichen Wege werden zudem Ultraschallwellen ausgesandt um mechanisch die Zerstörung des Gerinnsels zu beschleunigen. Verrückt, was alles so möglich ist. Dazu werden wir für 24 Stunden in das nahe Hospital Florencia verlegt, das über ein dazu notwendiges Katheterlabor verfügt. Es folgen bange Stunden. Mathias verbringt diese auf der Intensivstation und Petra im Wartebereich vor deren Tür.

Es ist Freitag, der 13.! (März). Doch der Tag endet glücklich für uns. Nach etwa 12 Stunden wird gegen Mittag der Katheter wieder entfernt und die Ärzte halten die Daumen hoch. "Todo bien!" - "Alles gut!" Die Anspannung lässt allmählich etwas nach. Ein heftiges Unwetter mit Blitz und Donner fegt über die Stadt, als uns der Rettungswagen wieder zurück in unsere eigentliche Klinik bringt. Makaber, aber es ist fast so, als würde man wieder nach Hause kommen.

Endlich geht es aufwärts: Die Werte normalisieren sich allmählich und Mathias kommt immer längere Zeit auch mal ohne Sauerstoffzufuhr aus, ohne gleich nach Luft zu schnappen. Nach zwei Tagen sind auch die Ärzte zufriedener und das ständig piepsende Überwachungsgerät wird ausgeschalten. Himmlisch, diese Ruhe! Noch einen Tag später ist er dann auch die Infusionsschläuche los. Man kündigt uns an, dass vielleicht in zwei/drei Tagen schon an eine Entlassung zu denken ist. Das klingt doch gut, es wirkt auf Mathias fast wie eine Wunderheilung, denn er wirkt gleich viel munterer. Eine Schwester bringt ein Atemübungsgerät und strahlt, als würde sie einem Kind ein ganz tolles Spielzeug schenken.

oe6 7 1Überhaupt fühlen wir uns von Anfang an in der Klinik gut aufgehoben. Die Ärzte wirken sehr professionell und gründlich. Wir haben volles Vertrauen zu ihrer Arbeit. Auch das Pflegepersonal auf Station ist rührend besorgt. Manche versuchen im Laufe der nächsten Tage, uns sogar mit ein paar auf deutsch gelernten Grüßen zu erfreuen. Ständig wuselt irgendjemand im Zimmer herum und überprüft zum Beispiel die Werte. Am Morgen sind manchmal drei (oder sogar noch mehr) damit beschäftigt den Patienten frisch zu machen. Jeden Tag wird das Bett neu bezogen und mehrmals am Tag wird das Zimmer gewischt. An Personalknappheit scheint man hier nicht zu leiden. Auch vom Küchenbereich kommt regelmäßig jemand und erkundigt sich, ob das Essen so okay ist und ob es irgendwelche Wünsche gibt. Doch, doch - alles ist prima, immer frisch und liebevoll zurechtgemacht. Nur eines ist blöd: Petra muss immer mit knurrenden Magen zusehen und mit schnellen Einkaufstouren zwischendurch sich selber versorgen. Auf der Station sind von den zehn Zimmern (alles Einzelzimmer!), im Durchschnitt nur 50%  belegt. Sind denn die Mexikaner gar nicht krank?

Na gut, wir sind hier in einem Privatkrankenhaus und das wird für viele Mexikaner unerschwinglich sein, denn nur wenige werden über eine entsprechende Versicherung verfügen. Nur etwa 30 % der Bevölkerung haben eine sozialversicherungspflichtige Anstellung und sind somit über den Arbeitgeber Mitglied in einer der staatlichen öffentlichen Versicherungen und nur ein weiterer, ganz geringer Anteil kann sich eine Privatversicherung leisten. Der Großteil der Bewohner Mexikos, vor allem aus den abgelegenen und ärmerer Landstrichen, ist ohne Versicherung, Sie können sich zwar im Krankheitsfall an die öffentlichen Gesundheitszentren wenden, die jeden versorgen, ob er krankenversichert ist oder nicht, doch diese sind oft sehr schlecht ausgestattet, die Geräte veraltet, Medikamente nicht vorrätig und vor allem fehlen dort, aufgrund viel schlechterer Bezahlung, Ärzte. Dies alles wissen wir jedoch nur vom Hören-Sagen. Unübersehbar für uns war auf unserer Fahrt durch das Land jedoch, dass es in den großen Metropolen scheinbar moderne Krankenhäuser, Arztpraxen und dergleichen in Hülle und Fülle gibt, allerdings im Rest des Landes allerhöchstens mal eine kleine bescheidene Krankenstation am Wegesrand lag. Tja, das Sammeln von eigenen Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem des Landes hatten wir eigentlich bei unserer Reiseplanung nicht auf dem Programm und ehrlich gesagt: Wir hätten auch liebend gern darauf verzichtet, wenn es in unserer Macht gestanden hätte. Doch sind wir zumindest nun überglücklich, dass es so aussieht, als ob dieses Erlebnis einen guten Ausgang haben wird.

Nach zehn Tagen dürften wir aus medizinischer Sicht die Klinik eigentlich wieder verlassen. Dürften! - doch nun erwartet uns unvermutet eine weitere Hürde, die uns abermals viel Stress bringen wird, denn wir müssen zunächst erst noch eine weitere Seite des mexikanischen Gesundheitssystems kennenlernen. Wir sitzen bereits auf gepackten "Koffern", als wir erfahren, dass die Entlassung noch etwas dauert, da erst noch mit der Versicherung hinsichtlich der Kostenübernahme alles geklärt werden muss. Es dauert aber nicht nur etwas, sondern ein 4-tägiger Nervenkrieg beginnt  - nichts von wegen in Ruhe gesund werden.

oe6 7 1Natürlich haben wir diese Reise mit einer Auslandskrankenversicherung abgesichert. Bei der Aufnahme ins Krankenhaus kümmert man sich sofort um uns, ohne sich diesbezüglich rückzuversichern. Erst, als ersichtlich wird, dass die Sache komplizierter und vor allem intensivere Behandlung bedarf, erkundigt man sich zaghaft nach der möglichen Kostenübernahme. So weit, so gut! Es dauert eine Weile, und auch unser Zutun wird nötig, ehe die Klinik und die AXA-Versicherung in Kontakt kommen. Nun nehmen wir an, dass das Finanzielle geklärt ist, und wir sind diesbezüglich erst mal beruhigt. Die Versicherung übergibt unseren Fall an einen internationalen medizinischen Dienst, der nun die Bearbeitung übernimmt. Hin und wieder telefoniert dieser mit den Ärzten, um die weitere Behandlung abzuklären, und spricht auch mit uns, ob es Probleme gibt. Allerdings haben wir eher das Gefühl, dass die Telefonate vorrangig dazu dienen, dass nicht unnötige Kosten abgerechnet werden würden, was wiederum auch verständlich ist. Zudem fällt uns auch die Erleichterung auf, als wir nicht unbedingt auf einen sofortigen Rücktransport nach Deutschland bestehen. Doch auch das: So weit, so gut!

Nach einer endlosen Warterei erfahren wir erst am Abend des eigentlichen Entlassungstages, dass der Versicherungskram noch nicht erledigt ist und wir bis zum nächsten Tag warten müssten - wir sind frustriert. Und so geht es weitere drei Tage, während denen wir unzählige Telefonate führen und Mails schreiben, aber immer wieder vertröstet und hingehalten werden. Man würde sich darum kümmern - es ist in Arbeit - eigentlich ist so gut, wie alles, geklärt - morgen früh ist alles erledigt - vielleicht am Nachmittag - morgen ganz bestimmt ... usw. In regelmäßigen Abständen erscheint Petra in der Krankenhausverwaltung, aber bekommt dort immer nur ein Schulterzucken zur Antwort. Dann bekommen wir zumindest heraus, dass sich um das Finanzielle das kanadische MedBrick Unternehmen kümmert. Nach weiteren Mails und einem Anruf dort, durch unsere Tochter, verstehen wir langsam das Problem. Normalerweise kommt in solchen Fällen die internationale rechtsgültige "Carta garantia" (GOP) zum Tragen, die garantiert, dass die Versicherungsgesellschaft für die entstandenen medizinischen Kosten aufkommt. Unsere wurde auch ordnungsgemäß, gleich zu Beginn der Behandlung ausgestellt. Aber! - In Mexiko wird diese nicht anerkannt. Hier will man erst das Geld sehen, ehe man den Patienten laufen lässt und in unserem Fall, dürfte das eine ganz schön große Menge Geld sein, denn einige Behandlungen waren ganz sicher sehr kostenintensiv. Nun wissen wir aber noch immer nicht, was den Bezahlprozess so aufhält. Liegt es an der Bearbeitung oder an den Banken? Oder ist womöglich unsere Versicherung pleite!? Uns kommt es fast vor, als wöllte jeder dem anderen den Schwarzen Peter in die Schuhe schieben wollen. Langsam können wir die widersprüchlichen Aussagen kaum noch erhören. Zudem sickert auch durch, dass dieses Problem in Mexiko durchaus bekannt ist. Warum also hat man uns nicht dementsprechend darauf vorbereitet und lässt uns stattdessen in einer tagelangen Ungewissheit? Es ist zermürbend und wir sind fast am Verzweifeln.

Immerhin dürfen wir die ganze Zeit weiter unbehelligt und wie gewohnt in dem Zimmer wohnen. Mathias bekommt seine drei Mahlzeiten am Tag, die Schwestern überprüfen noch immer regelmäßig alle Werte, erkundigen sich freundlich nach dem Befinden und wechseln die Bettwäsche. Zudem bekommen wir zugesichert, dass für diese Tage nicht etwa noch irgendwelche neuen Kosten auf uns zu kommen.

Nicht nur Ihr werdet Euch nun fragen: Warum gehen denn die nicht einfach? Auch bei den Kontaktaufnahmen mit den Versicherungsmitarbeitern sagt man uns, dass wir die Klinik jederzeit verlassen könnten und uns niemand zurückhalten darf. Doch, wenn ihr das bewaffnete Sicherheitspersonal gesehen hättet, das in allen mexikanischen Krankenhäusern präsent ist und dort die Eingänge bewacht, wird sich das jeder überlegen, ob man sich in diesem Staat ohne den erforderlichen Passierschein auf solch einen Versuch einlässt. Unsere Bedenken werden bestätigt, als Mathias nur für kurze Zeit mal das Krankenhaus verlässt, um nach Tagen wieder etwas frische Luft zu schnappen und um sich seine Beine zu vertreten. Augenblicklich kommt eine Schwester in unser Zimmer gestürmt, in Begleitung eines der Wachmänner, um zu überprüfen, dass zumindest Petra noch da ist. Spätestens jetzt wird uns klar. Wir werden tatsächlich überwacht und kommen hier auf keinen Fall so einfach heraus. Wir sind entsetzt. Das ist ja Freiheitsberaubung - in was für eine bescheuerte Lage sind wir nur geraden? Unsere Telefonate und Mails werden nun unnachgiebiger.

Und dann endlich. Nach vier aufreibenden Tagen erhalten wir, ganz unspektakulär, die heiß ersehnten Passierscheine. Schnell packen wir endgültig alles zusammen, ehe man es sich noch mal anders überlegt. Ob nun alles geklärt ist oder nicht, wir erfahren es nicht, auch die bearbeitenden Stellen lassen vorerst nichts mehr von sich hören. Unser Fall und wir sind scheinbar abgehakt! Der Abschied vom Pflegepersonal der Station ist dann aber überaus herzlich. Wir bedanken uns mit einer leckeren Kollektion Pralinen und zwei, der Schwestern bringen uns noch bis zum Ausgang und winken. Ach ja, nett waren sie ja.

Etwas Gutes hat der verlängerte Klinikaufenthalt doch: Mathias ist in der Zwischenzeit noch mehr genesen und hat, mal abgesehen von der fehlenden Kondition und Kraft, kaum noch Beschwerden. Eigentlich könnten wir doch nun endlich rundum zufrieden sein, wenn, ja, wenn da nicht schon das nächste Riesenproblem über uns schweben würde. Es fühlt sich an, als wären wir in einer schrecklichen Endlosschleife gefangen, aus der wir einfach nicht entfliehen können.

Der Coronavirus hat inzwischen die Welt fest im Griff, die um uns herum nun scheinbar verrückt zu spielen scheint. Die Nachrichten, die zu uns dringen, werden von Tag zu Tag besorgniserregender. Mittlerweile haben weltweit die meisten Länder ihre Grenzen geschlossen oder werden dies in absehbarer Zeit tun, auch hier auf dem amerikanischen Kontinent. Ausgangssperren werden angeordnet. Mancherorts dürfen Touristen nicht mehr auf die Straßen.

Mexiko scheint das momentan noch alles zu ignorieren. Die Regierung versucht, gute Stimmung zu verbreiten und spielt das Problem herunter. Die "offiziellen" Erkrankungszahlen sind noch gering und das öffentliche Leben scheint ganz normal weiter zu laufen. Das Land erscheint einem, wie ein Fels in der Brandung - aber das Gestein beginnt schon zu bröckeln. Die Bevölkerung wird immer unruhiger und macht sich zunehmend Sorgen. Man sieht immer häufiger Menschen mit Schutzmasken auf den Straßen. Auch in den Medien werden Stimmen laut, dass die Ignoranz ein großer Fehler sein kann. Es wäre sehr verwegen zu glauben, dass der Virus ausgerechnet um Mexiko einen Bogen macht, sondern, wenn er unvorbereitet auf das Land trifft, dann mit um so größerer Heftigkeit zuschlagen würde. Und ob dann Optimismus und beten noch ausreichen, um das Schlimmste abzuwenden...? Das Land hat ja schon im Normalzustand nicht wenig Probleme, siehe zum Beispiel das oben erwähnte hiesige Gesundheitssystem sowie die angespannte allgemeine Sicherheitslage.

Die ganze Situation beginnt uns langsam Angst zu machen, denn da könnte sich über uns etwas Gewaltiges zusammenbrauen. Wie geht es also weiter, wenn wir das Krankenhaus verlassen können? Unsere Gedanken beginnen zu kreisen:

- Vielleicht können wir uns für eine Weile eine Unterkunft suchen und dort mit ein paar Vorräten eine Weile ausharren? Petra beginnt schon immer mal auf ihren Einkaufstouren in den zurzeit noch gut gefüllten Märkten dies und jenes zu besorgen. - Was aber, wenn es zu lange dauert und die Versorgungsmöglichkeiten nicht mehr gegeben sind. Schon jetzt gibt es keine Desinfektionsmittel und Masken zu kaufen. Die benötigten Medikamenten für Mathias können wir nur mithilfe von Einheimischen erwerben und diese reichen auch nur für 8 Wochen! Mathias zählt zudem mit seiner aktuellen Vorerkrankung nun zur Risikogruppe, es wäre bestimmt hochbrisant, wenn er sich mit dem Virus anstecken täte. Ob in diesem Falle dann wieder ein so modernes Krankenhauszimmer für einen Touristen zur Verfügung stände, sei zu bezweifeln.

- Vielleicht versuchen wir uns, so wie ja eigentlich bisher geplant (nur allerdings nicht mehr auf den Fahrrädern), in die USA und zu unserer Tochter nach San Francisco weiter durchzuschlagen? - Was aber, wenn man uns an der Grenze dort den Zutritt verwehrt. Bisher dürfen zwar Europäer, die nicht weniger als 14 Tage zuvor in Europa waren offiziell noch passieren, aber wie werden das die dortigen Aufpasser auslegen? Zudem ist es ein Weg von fast 3000 Kilometern, der auf dem Landweg einige Zeit in Anspruch nimmt und bis dahin kann sich in der derzeitigen Krisensituation mit den Gesetzen noch viel ändern. Dann sitzen wir womöglich in einer Region Mexikos fest, die unpassender nicht sein kann.
Einen Flug haben die Ärzte für mindestens einen Monat verboten! Zudem wird nun auch in Amerika die Unruhe um den Virus zunehmend größer.

Nein, wir können planen was wir wollen, uns bleibt wahrscheinlich nun nur noch eine einzige Möglichkeit: Wir müssen zurück nach Deutschland! Diese Erkenntnis müssen wir erst mal setzen lassen.

Deutschland fordert nun schon seit Tagen alle Landsleute auf, zu versuchen auf schnellstem Wege zurückzukehren. Aus gutem Grunde, denn die angebotenen Flüge werden immer weniger. Selbst Pauschalurlauber werden von ihren Fluggesellschaften im Stich gelassen. Das verstehe einer, wie kann so was sein, solange die entsprechenden Flughäfen doch noch benutzbar sind!? Weltweit hängen nun Touristen fest. Auch in Mexiko und dort besonders auf der Yucatan-Halbinsel. Es gibt kaum noch buchbare Flüge und wenn, dann auf keinen Fall zu günstigen Preisen.

Wir tragen uns auf alle möglichen Listen des Auswärtigen Amtes ein, auch auf der für eventuell organisierte Rückholflüge. Kein einfaches Unterfangen, denn die Internetseiten sind total überlastet. Trotz ärztlichem Abraten und nicht wissend, wann wir die Klinik überhaupt verlassen können, buchen wir noch im Krankenhaus für die folgende Woche einen Flug mit Air Canada - besorgen uns die, für den kanadischen Transit nötige, Reisegenehmigung und es gelingt uns sogar, nach vielen Versuchen, die Räder für den Flug anzumelden. Wenige Stunden später werden die Flugzeiten geändert - am folgenden Tag wird der Flug storniert...

Wir starten einen neuen Versuch. Viel Auswahl an Flügen gibt es ja, wie schon gesagt, nicht. Die meisten werden von amerikanischen Fluggesellschaften angeboten, doch haben diese stets einen Zwischenstopp in den Staaten und das ist derzeit für ausländische Reisende nicht gestattet. Also probieren wir es mit einer Buchung bei KLM über Amsterdam für das nächste Wochenende. Zumindest die Ticketnummern bekommen wir zeitnah - na das ist ja schon mal was. Die Mitnahme der Fahrräder wird nun für uns zur Nebensache.

Sonnabend, 21.3.: Nach dem 13-tägigen Krankenhausaufenthalt ziehen wir am Nachmittag wieder in die Unterkunft, in der wir schon zuvor gewohnt haben.

oe6 7 1Die Vermieterin Patricia war uns ja schon bei der Notfalleinlieferung ins Krankenhaus eine riesige Hilfe und hat während der ganzen Zeit den Kontakt weiter gehalten und mit uns gebangt. Als unser eigentlicher Buchungszeitraum bei ihr dann beendet ist und wir das kleine Apartment wegen einer Neuvermietung räumen müssen, dürfen wir ohne viel Federlesen die Fahrräder und das zurzeit nicht benötigte Gepäck unterstellen. Nachdem wieder freie Übernachtungsmöglichkeiten in dem Objekt zur Verfügung stehen, hält sie uns die ganze Zeit - über mehrere Tage hinweg, völlig uneigennützig, ein Zimmer frei.

oe6 7 1Auch Lynka und ihre Familie, die Vermieter der zwischenzeitlichen anderen Unterkunft, welche wir Letztenendes so gut wie nicht benutzen, sind bestürzt und tiefbesorgt über unser derzeitiges Schicksal und geben uns zumindest mental viel Hilfe. Sie versuchen, uns fast ununterbrochen Mut zu machen und stützen sich dabei, nach mexikanischer Art, auf das Vertrauen zu Gott. Ach wenn wir doch auch solch einen tiefen Glauben hätten, vielleicht könnte er ja tatsächlich so manches bewirken.

Und dann ist da noch Sonia. Sie scheint tatsächlich der Himmel zu schicken, denn als Petra während der Kathederbehandlung in der Verwaltung des Florencia Hospitals verzweifelt in Erklärungsnot kommt, da man ihr dort irrtümlicherweise eine riesige Rechnung mit unendlich langen Zahlenkolonnen zur sofortigen Bezahlung vorlegt, steht ausgerechnet Sonia unter den Wartenden vor der Aufnahme. Da sie mit einem deutschen Mann verheiratet war und mehrere Jahre in Deutschland gelebt hatte, kann sie souverän die Konversation übernehmen und alsbald ist zumindest dieses Problem vom Tisch. Sie besucht uns in den folgenden Tagen noch mehrmals im Krankenhaus und wird uns noch in vielen weiteren Momenten hilfreich zur Seite stehen.
Solcherart Rückhalt in einer schwierigen Zeit, fern ab der Heimat, ist wirklich unbezahlbar.

Sonntag, 22.3.: Es scheint zunächst etwas Ruhe und Normalität in unser Leben einzuziehen. Der gebuchte Flug mit KLM wurde zwar inzwischen abgeändert, aber noch steht er. Am Morgen telefonieren wir mit der Familie in Deutschland. Dort herrscht seit gestern angeordneter Ausnahmezustand. Unser Vati feiert seinen 84 Geburtstag, fast allein, denn um ihn vor Ansteckung zu bewahren, müssen die Gäste fernbleiben. Nur gut, dass uns die moderne Technik die Möglichkeit gibt, zumindest auf diesem Wege, die aufgebrummte soziale Distanz etwas zu verkürzen. Um Mathias Kondition zu verbessern, spazieren wir ein paar Übungsrunden durch das Zentrum. Es geht erstaunlich gut und wir sind zunehmend optimistischer, was den Genesungsprozess betrifft.

Montag, 23.3.: Am Morgen ist der Flug mit KLM teilweise gecancelt, nun haben wir nur einen Rückflug bis Amsterdam. Ob und wie können wir dann aber nach Deutschland weiter und Dresden liegt ja auch nicht gleich um die Ecke!? Im Internet wird über die geplanten Rückholaktionen des Auswärtigen Amtes spekuliert. In anderen Ländern ist sie bereits angelaufen. Man rechnet damit, dass es aber noch einige Tage oder gar Wochen dauern wird, ehe es in Mexiko soweit ist, da andere Länder mehr Priorität haben. Doch in Mexiko werden nun auch immer mehr Zeichen deutlich, dass es auch hier zunehmend Veränderungen im öffentlichen Leben gibt. Die Schulen und Universitäten haben landesweit geschlossen. Man hat die Osterferien vorverlegt und vorerst auf einen Monat verlängert. Auf den Straßen hat der Verkehr deutlich nachgelassen. Im Supermarkt hat man die Selbstbedienungsregale in der Backwarenabteilung mit Folie abgehängt. Ansonsten läuft noch alles wie gewohnt. Der für Mexiko typische Straßenhandel geht fast unverändert weiter. Das Angebot ist reichlich. Auch Toilettenpapier stapelt sich in Mengen in den Läden. Also noch ist alles ruhig und wir könnten es durchaus ein paar weitere Tage aushalten und uns etwas von den bisherigen Strapazen ausruhen. Dennoch planen wir, am Ende der Woche lieber in eine Unterkunft nach Mexiko Stadt umzuziehen, um mehr in Flughafennähe zu sein.

Ab Mittag beginnen sich dann aber die Ereignisse zu überstürzen: Wir bekommen eine Mail, dass die Rückholaktion in Mexiko anläuft, wir für einen der ersten Flüge vorgemerkt sind und uns bereithalten sollen. Nun geht es also doch schon so schnell los. Die nervliche Anspannung wird fast zu viel und wir verfallen in Panik, denn das heißt, wir müssen nun so schnell wie möglich nach Mexiko Stadt zum Flughafen. In Windeseile beginnen wir unseren Kram zu zwei flugtauglichen Gepäckstücken zu verschnüren. Bloß gut, dass wir das Verpackungsmaterial dafür, schon auf unseren vorherigen Streifzügen durch die Stadt organisiert haben. Zudem ist es uns auch bereits am Vortag gelungen, nach mehreren Versuchen, einen Laden zu finden, der Kompressionsstrümpfe im Angebot hatte, denn ohne hätten wir Mathias diesen Flug lieber nicht zumuten wollen und hoffen, dass diese eventuell mögliche Komplikationen vermeiden. Sonia kommt angefahren und packt unsere Räder ein. Sie sollen nun bei ihr einen Unterschlupf finden. Wir beteuern ihr mehrmals, dass wir nicht wissen, wann und ob wir zurückkehren können, doch sie besteht darauf, die Räder, egal, wie lange es dauert, für uns aufzubewahren. Sie ist kaum abgefahren, als sie uns eine Nachricht schickt, dass sie uns am nächsten Morgen zum Flughafen bringen wird und wir kein Taxi zu nehmen brauchen. Auch dieses Vorhaben können wir ihr nicht ausreden. Am Abend bekommen wir die Mitteilung, dass unser Flug tatsächlich am nächsten Tag stattfinden soll und wir bis Mittag auf dem Flughafen sein müssen. Wir bestätigen unseren Mitflug und lassen uns irgendwann mit einem letzten mexikanischen "Corona"- Bierchen erschöpft zurückfallen.

Dienstag, 24.3.: Pünktlich um 6:00 Uhr, einer für mexikanische Verhältnisse wirklich unchristlichen Zeit, steht Sonia mit ihrem Sohn Christof vor unserer Tür. Von Patricia haben wir uns schon am Vorabend verabschiedet. Sie freut sich natürlich mit uns, dass es nun doch so schnell die Möglichkeit gibt, für uns nach Deutschland zurückkehren zu können, und wir somit vielleicht endlich ein Ende finden können aus dem ganzen Chaos der letzten Tage. Sie bedauert es, dass wir nicht die Räder bei ihr unterstellen, denn das wäre auch möglich gewesen. Kaum sind wir unterwegs, kommt eine Nachricht, dass es ihr leidtut, uns am Morgen verpasst zu haben, um uns endgültig zu verabschieden. Doch sie wünscht uns eine gute Rückreise und hofft auf ein baldiges Wiedersehen - genauso, wie Lynka, die weiterhin in Gebeten für uns bittet.

Es ist kaum Verkehr auf dem Weg und in Mexiko Stadt. Sonia und Christof meinen, dass es noch nie so leer gewesen wäre. Wir erreichen somit schneller, als gedacht das etwa 80 km entfernte Stadtzentrum der mexikanischen Hauptstadt und haben sogar noch Zeit für eine kleine Stadtrundfahrt. Ausgesprochen moderne Wolkenkratzer, Bürogebäude, andere öffentliche oder behördliche Gebäude und Einkaufszentren säumen die Straßen und in den glitzernden Glasfassaden spiegelt sich die aufgehende Sonne. In der Ferne sehen wir sogar noch mal den Popocatepetl, seine Rauchfahnen ausstoßen.

Doch wir haben keine Ruhe und drängen zum Flughafen, denn uns wurde auch mitgeteilt, dass es möglich ist, dass nicht alle auf der Liste Stehenden auch tatsächlich mitfliegen können und wir erhoffen uns, mit einer zeitigen Ankunft am Flughafen, unsere Chancen zu erhöhen. Tatsächlich sind wir nicht die ersten vor den Schaltern von Lufthansa, obwohl noch fast 5 Stunden Zeit bis zur geplanten Abfertigung ist. Wir kommen mit den anderen Wartenden überein, dass wir uns abwechseln mit dem Warten und wollen Sonia und Christof zum verspäteten Frühstück einladen. Doch die drehen den Spieß einfach um und laden stattdessen uns ein. Jeder Widerstand unsererseits ist aussichtslos. Werden wir jemals die Möglichkeit haben alle die Zuwendung zurückgeben zu können!?

oe6 7 1Danach warten wir weiter vor den Check-in Schaltern und kommen mit den anderen Wartenden näher in Kontakt. Gegen Mittag beginnt die österreichische Botschaft einen Flug nach Wien abzufertigen. Die Anzahl der Passagiere ist überschaubar. Da wäre doch eigentlich ganz sicher noch Platz für ein paar mehr? Irgendwann wird gemunkelt, dass heute kein weiterer Lufthansaflug mehr abgeht. Wir werden unruhig. Bald darauf erscheint ein erster Mitarbeiter der deutschen Botschaft und verkündet, dass sich der Flug verspäten wird. Na, wenns weiter nichts ist! Nun erst können wir auch Sonia und Christof dazu bewegen, wieder nach Toluca zurückzufahren. Kaum haben wir uns von ihnen verabschiedet, erhalten wir die Meldung: Der Flug wird erst am nächsten Tag gehen. Von wegen verspätet!? Wir haben ja den leisen Verdacht, dass bisher einfach zu wenig Passagiere bereitstehen, denn die Anzahl ist sehr überschaubar. Vielleicht hat die Nachricht über den Abflug ja doch viele der weit im Lande Verstreuten doch zu überraschend erreicht und nun fehlt es an ausreichenden Mitfahrern. Komischerweise nimmt uns dieses weitere Malheur, gar nicht allzu sehr mit. Vielleicht ist nach den ganzen Unruhen in den letzten Tagen nun keine Kraft mehr da, um sich gebührend aufzuregen. Wir hoffen einfach auf morgen und das es dann bestimmt klappen wird.

Es ist erst kurz nach Mittag, was sollen wir nur in den vielen Stunden bis zum nächsten anberaumten Abfertigungstermin machen? Der Flughafen ist alles andere als gemütlich. Im Abfertigungsbereich fehlt es fast gänzlich an Sitzmöglichkeiten. Reisende, die sich ermattet auf den Boden fallen lassen, werden permanent von Sicherheitskräften zum Aufstehen aufgefordert. Wo und wie sollen wir nun die nächsten Stunden und vor allem die Nacht verbringen. Die Botschaftsangestellten haben inzwischen mit einem der Flughafenhotels einen Deal ausgemacht und wir bekommen ein paar Prozente erlassen, wenn mindestens 10 Zimmer gebucht werden. Es finden sich genug Interessierte und so geht es in ein Hotel, dass sich gleich gegenüber vom Terminal befindet. Es ist fußläufig erreichbar und sehr nobel, allerdings trotz der Preissenkung immer noch recht teuer und eigentlich so gar nicht unsere Preiskategorie. Jedoch haben wir angesichts unseres sehr unhandlichen Gepäcks auch keinen Bock uns eine günstigere, aber dafür weiter weg gelegene Unterkunft zu suchen, zumal wir ja am nächsten Morgen schon zeitig wieder zurück sein müssen. Dennoch ist es für uns mühsam, all unser Gerassel ins Hotel zu bugsieren, denn auf dem Flughafen gibt es keine Gepäckwagen. Man hat sie aus hygienischen Gründen eingezogen. So ein Schwachsinn, dann müsste man ja auch alle Klinken, Geländer und so weiter entfernen. Nun, für die Rollkofferreisenden ist das, das kleinste Problem und auch die Rucksacktouristen beneiden wir. Wir jedoch müssen uns ganz schön schinden, um die zwei unhandlichen, über 20 kg schweren Packen, sowie das Handgepäck ins Hotelzimmer zu befördern. Es wäre jetzt zwar noch genug Zeit um eine kleine Sightseeingtour durch die Stadt zu machen, aber nicht mit uns. Wir versorgen uns noch mit Getränken und, geschafft von einem weiteren stressigen Tag, bewegen wir uns dann keinen Meter mehr heraus aus dem Zimmer.

oe6 7 1Mittwoch, 25.3.: Schon in aller Herrgottsfrühe schleppen wir die ersten Gepäckteile wieder zurück zu den Abfertigungsschaltern. Oh ha, heute stehen da schon viel mehr Erwartungsvolle bereit und die Schlange wird zusehends immer länger. Weitere interessante Reisebekanntschaften werden gemacht und jeder hat irgendwie seine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Gegen 7:00 Uhr erscheinen dann tatsächlich die Vertreter der Botschaft, Erleichterung macht sich breit. Als wenig später auch das Abfertigungspersonal von Lufthansa auftaucht, steigt die Gewissheit, dass es heute einen Abflug geben wird. Zunächst werden alle Reisenden mit Kindern abgefertigt und das sind unglaublich viele. Dann endlich sind auch wir an der Reihe. Ein kurzer Schreck: Unsere Namen stehen nicht auf der Liste. Doch schnell gibt es Entwarnung: Da sind sie ja! Puh, ...! Nun erst fällt uns auf, dass sich etwas abseits ein Grüppchen zu bilden beginnt, von all denjenigen, die sich tatsächlich nicht auf der Liste befinden und die sich nun gedulden müssen, ob noch ein Platz frei bleibt. Wir werden später aber erfahren, dass alle das Glück haben werden, dennoch in den Flieger steigen zu können. Vor den Schaltern wird dann erst mal noch Fieber gemessen: 35,8 und 36,5 - alles bestens! Wir müssen noch ein ausgefülltes Formular abgeben, mit dem wir bestätigen, dass wir mit allen Beförderungsbestimmungen des Auswärtigen Amtes einverstanden sind - ja, Ordnung muss sein, wir sind ja schließlich Deutsche! Und kurz darauf halten wir die Bordkarten in den Händen. Jeeh -!

Wir haben noch genügend Zeit bis zum Boarding und gönnen uns nun erst mal ein entspannendes Frühstück bei McDonalds, denn nur hier ist ein Internetzugang möglich. So können wir auch allen, die bis jetzt mit uns gebangt haben, die erfreuliche Nachricht übermitteln. Der Rest ist dann ganz normale Flugroutine, mal davon abgesehen, dass uns am Eingang zu den Gates noch mal Fieber gemessen wird und wir auf einem weiteren Formular bestätigen müssen, dass wir keinerlei Krankheitsanzeichen haben.

Als wir bei der Sicherheitskontrolle, die Gürtel aus den Hosen ziehen, müssen wir diese mit beiden Händen festhalten, damit sie uns nicht in die Kniekehlen rutschen. Die letzten Tage haben eindeutig auch äußerlich ein paar Spuren an uns hinterlassen.

Fast pünktlich (ist ja auch nicht schwierig, bei dem zurzeit unübersehbar spärlichen Flugverkehr auf dem Flughafen) hebt am frühen Nachmittag die große zweistöckige Maschine ab.

Adios, Mexiko!

Der überstürzte Aufbruch und die ungewöhnlichen Umstände - eine Abreise, wie auf der Flucht, lassen bei uns ein bedrückendes Gefühl entstehen. Weit weg scheint der Moment, als wir voller Vorfreude vor 4 1/2 Monaten dieses Land betreten haben und die vielen bisher hier erlebten schönen Momente kommen uns unwirklich vor.

Dennoch überwiegt erst mal die Erleichterung in diesem Flieger zu sitzen. Wir haben unglaubliches Glück, denn wir haben, in dem ansonsten vollen Flugzeug, eine Dreierreihe für uns beide. So lassen sich die 11 Stunden Flug gleich viel bequemer aushalten. Der Service ist auf das Nötigste beschränkt, aber absolut ausreichend, keiner muss verhungern oder verdursten. Und wenn man somit die Kosten niedrig hält, kann es uns nur recht sein, denn niemand weiß bisher, was diesbezüglich noch auf uns zukommt, denn in Vorkasse musste niemand gehen. Das wird ohne Frage ein teurer Rückflug, denn zu diesen Kosten kommen ja noch die, für die zwei zuvor gebuchten und gecancelten Flüge, wo wir noch nicht wissen ob und wie wir das bereits gezahlte Geld jemals zurückbekommen. Und dann gibt es ja auch noch denn bereits gebuchten Flug für unsere ursprünglich geplante Rückreise im Herbst...
Vamos a ver! - Es gibt Schlimmeres!

oe6 7 1Donnerstag, 26.3.: Wir fliegen der aufgehenden Sonne entgegen und landen am Morgen im bitterkalten, aber sonnigen Frankfurt. Nach einer emotionalen Abschiedsrede durch den Kapitän und einem etwas umständlichen Ausstiegsprozedere betreten wir wieder deutschen Boden und - frieren erbärmlich, trotz der übergeworfenen eigentlich wärmenden Bekleidung.
Gott sei Dank - hierzulande darf man noch, nach Herzenslust, Gepäckwagen benutzen! Zwei Stunden später sitzen wir in einem fast leeren ICE und rasen weiter in den Osten und nach weiteren 4 1/2 Stunden kommen wir endgültig in Dresden an.

Wir sind wieder zu Hause!

Doch es ist beklemmend, in die vom Ausnahmezustand geprägte Heimat zurückzukehren. Die in den folgenden Tagen zur Begrüßung ausgestreckten Arme sind zwar freudig und herzlich, doch nur symbolisch und um unseren Vati nicht zu gefährden, wenn wir, wie gewohnt zu ihm ins Haus ziehen würden, buchen wir uns stattdessen eine kleine Gästewohnung, in der wir noch immer das Gefühl haben, weiterhin auf Reisen zu sein. Dennoch fühlen wir uns in der vorübergehenden Bleibe recht wohl und können nun auch endlich, endlich wieder zur Ruhe kommen. Wir sind unendlich erleichtert, dass Mathias sich zunehmend immer mehr erholt, und sind bereit für den Moment, in dem es wieder möglich sein wird, dass wir uns über die Zukunft weiter Gedanken machen können.

Inzwischen sind wir auch voller Optimismus, dass irgendwann wieder die Zeit kommen wird, um diese Reise zu einem anderen und besseren Ende bringen zu können.

Bis dahin hoffen wir, dass uns allen die Zuversicht nicht ausgeht, diese schwierige Zeit zu überstehen und vor allem, dass wir alle gesund bleiben.

Wir danken all denen, die uns auf dieser Reise in Gedanken begleitet haben und uns vor allem in der letzten Phase so ermutigend zur Seite standen.

 

Da wir fest davon träumen, dass wir Mexiko wieder bereisen werden - das haben wir auch all unseren neuen Freunden dort, einschließlich unseren Rädern fest versprochen - fällt unser Fazit zu diesem Reiseland, vorerst nur kurz aus:

Mexiko ist ein tolles Reiseland, auch mit den Rädern, viele unsere Erwartungen wurden übertroffen und sehr beeindruckt waren wir vor allem von der warmherzigen Art der Mexikaner.

Muchas Gracias y Hasta Luego, Mexico!