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Nordspanien

5. Juni - 7. Juli 2017bikeroute

Tui - Santiago de Compostela - Leon - Picos de Europa - Logrono - Pamplona - Jaca

Bisher geradelte Strecke: 5642 km

Am Pfingstmontag überqueren wir den Grenzfluss Minho zwischen Nordportugal und Spanien. Hüben wie drüben kein Feiertag, das macht die Versorgung für uns einfacher. Zwar sind die Ladenöffnungszeiten in Portugal eher großzügig, doch in Spanien sieht man das verbissener. So ist es nicht selten, dass am Nachmittag die Läden mehrere Stunden schließen und an Sonn- und Feiertagen ganz zu sind.

In Nordspanien geht natürlich kein Weg vorbei an Santiago de Compostela und es ist unübersehbar: wir sind wieder auf dem portugiesischen Jakobsweg unterwegs. Wie Ameisen wuseln die Pilger alle in der gleichen Richtung, wie wir, auf den Straßen und Wegen vor uns her. Hier kann man einfach nicht vom richtigen Wege abkommen. Als wir an einem Kreisverkehr versehentlich zunächst die falsche Ausfahrt nehmen, werden wir sofort von allen Seiten auf den vermeintlichen Fehler aufmerksam gemacht. Wenn wir entlang der geraden asphaltierten Strecken an so manch Fußlahmen vorbeirollen, sind wir schon froh über unseren fahrbaren Untersatz. Doch an den steilen und nicht selten auch sehr holprigen Anstiegen sind wir klar im Nachteil. Dort lässt sich ein gut sortierter Wanderrucksack viel besser händeln, als unsere übervoll bepackten störrischen Drahtesel.

oe2 6 1 oe2 6 1 oe2 6 1 oe2 6 1Nach der ersten Tagesetappe auf spanischem Boden legen wir einen Ruhetag in einer kleinen Herberge ein. Die ist natürlich in dieser Gegend stark von den Pilgern besucht. Der Betreiber der Unterkunft ist sehr rührig und umsorgt seine Gäste. So sieht man ihn am Nachmittag einen Rucksack nach dem anderen durchs Haus schleppen. Auch unsere vielen Taschen sind nicht vor ihm sicher. Er lässt es sich auch nicht ausreden und will unseren Rädern unbedingt eine Grundreinigung verpassen. Doch zunächst macht ihm das Wetter einen Strich durch die Rechnung, denn kurz nach unserer Ankunft beginnt es kräftig und ausdauernd zu regnen – seit mehr als drei Wochen Sonnenschein. Da haben wir aber so richtig Glück, dass uns das in einer schönen trockenen Unterkunft erwischt.

Die Pilger sind schon ein besonderes Völkchen. Schon kurz nach Mittag ziehen sich die ersten in eine der zahlreichen Unterkünfte entlang der Strecke zurück. Duschen und Wäschewaschbecken werden eifrig frequentiert, die Füße verpflastert und Schuhe zum Lüften aufgestellt. Gegessen wurde wahrscheinlich schon irgendwo unterwegs – vielleicht eines der häufig angebotenen Pilgermenüs, denn die Gemeinschaftsküche wird nur mäßig benutzt. Gegen 20:00 Uhr werden die ersten Gute-Nacht-Wünsche hörbar und ruck, zuck kehrt im Haus Ruhe ein und das, obwohl die Sonne noch hoch am Himmel steht.

Spanien hat seltsamerweise dieselbe Zeitzone, wie Deutschland. Da es ja aber viel, viel weiter westlich liegt, kommt es, dass die Sonne fast 1 Stunde später untergeht, als in Deutschland, nämlich jetzt Anfang Juni erst nach 22:00 Uhr – und auch dann ist es ja noch lange nicht wirklich dunkel. Und dementsprechend wird es am Morgen auch erst spät hell – nach 7:00 Uhr und da sind die ersten Pilger schon seit Stunden wieder unterwegs, denn wer später in seine Wanderschuhe steigt, kommt womöglich zu spät in der nächsten Pilgerherberge an, um noch einen Schlafplatz zu ergattern. Als wir jedenfalls aus den Betten kriechen, sind wir allein im Haus. Nur der Hausherr ist auf Achse, um alles für die neuen Gäste herzurichten. Unsere Räder stehen schon blitzblank in der Morgensonne. Die Regenwolken vom Vortag sind wieder spurlos verschwunden.

Noch 80 km bis Santiago de Compostela und die haben es in sich. Es kommen immer wieder lange Anstiege und wir werden ziemlich gefordert. Ein letzter Anstieg und dann endlich fällt erstmals der Blick auf die Stadt. Es geht hinein in die Altstadt und wir schieben unsere Räder vorbei an schmalen Gassen durch die Pforte des Jakobswegs – die Porta do Camino. Und dann stehen wir auf dem großen Platz mit der mächtigen Kathedrale – dem Ziel all der Pilgerströme, ob nun von Portugal kommend – wie wir oder, wie die meisten aus Richtung Frankreich oder den vielen anderen Varianten des Jakobsweges. Rings um uns glückliche und erleichterte Gesichter. So richtig dazugehörig fühlen wir uns ja anfangs nicht, aber nach genauerem Überlegen finden wir es doch angemessen auch auf unsere Leistungen stolz sein zu können, auch wenn es auf unserem ganz eigenen Weg geschehen ist. So machen wir, wie auch all die anderen natürlich ein Erinnerungsfoto vor der allerdings momentan nicht sehr fotogenen mit Baugerüsten verkleideten Kathedrale. Später erst werden wir feststellen, dass wir genau am 100. Tag unserer diesjährigen Tour an diesem so bedeutendem Ort ankommen – ist das Zufall!?

oe2 6 1 oe2 6 1Wir richten uns auf dem zentrumsnahen Campingplatz auf einem Hügel über der Stadt ein. Der ist hauptsächlich von Wohnmobilen belagert, mit Zelt kommen hier nicht viele her. Am folgenden Tag besichtigen wir die Jakobus-Kathedrale dann in Ruhe und reihen uns ein in die Schlange des Pilgerstroms vorbei an der Krypta, wo die Gebeine des Apostels in einer mit Silber verkleideten Truhe liegen sollen und besteigen den Altar um dem heiligen Jakobus über die vergoldete Schulter hinab in den Kirchenraum zu schauen. Dort wimmelt es von aufgeregten und staunenden, aber auch von andächtig und still in den Bänken sitzenden Besuchern. Ganz Santiago scheint auf die vielen Pilger eingestellt zu sein. Überall Herbergen, Restaurants, Cafés und natürlich Stände mit den unvermeidlichen Pilgersouvenirs. Den ganzen Tag strömen die Neuankömmlinge herzu, während sich die anderen bereits auf den Plätzen und in den Straßen entspannen.

oe2 6 1 oe2 6 1Wir verlassen Santiago de Compostela Richtung Osten und ab jetzt geht es dem Pilgerstrom entgegen. Und es ist schlichtweg unglaublich, welche Massen uns da entgegenkommen. Wir kommen zeitweise gar nicht hinterher mit grüßen und winken und sicher murmeln wir in den nun folgenden Nächten noch im Schlaf „Buen Camino“ vor uns hin. So geht es also zu, auf dem Favoriten all der vielen Jakobswege, dem Camino Francés. Er beginnt vor den Pyrenäen in der südwestlichsten Ecke Frankreichs und führt über 800 km quer durch Nordspanien nach Santiago. Im Gegensatz zum portugiesischen Weg in den Tagen zuvor, haben wir hier, zumindest in den ersten Tagen, die Möglichkeit auf ruhigen Straßen und dennoch meist in Sichtweite des Camino zu radeln. Als Mathias vor 20 Jahren hier mit dem Rad unterwegs war, spielte sich noch der gesamte Hauptverkehr der Region auf diesen Straßen ab, doch seit dem Bau einer großen Autostraße in der Nähe hat man oft das Gefühl, auf einem Radweg unterwegs zu sein, so spärlich ist der Autoverkehr. Da macht das Radeln schon Spaß, auch wenn man angesichts der riesigen Betonpfeiler der Autopista, welche so manches Tal “zieren“, auch etwas schlechtes Gewissen gegenüber der Natur bekommt.

oe2 6 1Ansonsten gefällt uns die galizische Umgebung, durch die es geht richtig gut. Langweilig wird es nicht. Ein ständiges Auf und Ab führt durch eine schönes hügeliges und bewaldetes Bergland. Durch die Orte am Wegrand führen oft kleine Kopfsteingassen vorbei an dicht aneinander stehenden Backsteinhäusern. Idyllisch anzusehen, aber sicher nicht unbedingt immer das Modernste. Doch überall ist man auf die vielen Vorbeikommenden eingestellt und das Übernachtungsangebot, ob nun in einfachen Pilgerherbergen mit Schlafsaal oder in einem der Luxushotels, ist groß. Und dennoch wird es in den kommenden Sommermonaten nicht ausreichen. Leider mangelt es aber an Campingplätzen und so müssen wir häufig erst mühevoll nach einem geeigneten Platz für uns suchen. Der Bedarf dafür ist auch nicht sehr groß, denn kaum einer der Pilger, auch der vielen radfahrenden, hat eine Campingausrüstung dabei. Es ist offensichtlich: hier ist man mit kleinem Gepäck unterwegs. Teilweise sind die Rucksäcke, bzw. Radtaschen auch so winzig, dass wahrscheinlich ein zuvor gebuchter Gepäcktransport in Anspruch genommen wird und man nur mit leichtem Tagesgepäck läuft. Jedenfalls fallen wir mit unseren vollgepackten Rädern mal wieder auf und zumal wir auch noch in der "falschen" Richtung unterwegs sind. Eine Ausnahme ist der Inder Abi, der mit einem vollgepacktem E-Bike auf Weltreise ist. Er ist der einzige Langstreckenradler, den wir auf dem Camino treffen. Jedoch bei langem nicht der Einzige mit einem E-Bike. Hier nehmen doch einige gern die Unterstützung eines kleinen Motors zu Hilfe, wenn die Muskelkraft nicht mehr ausreicht. Ob wir auch gern so was hätten? … ??? ... nöö, so lange wir es noch aus eigener Kraft schaffen.

oe2 6 1 oe2 6 1 oe2 6 1Zwei weit über 1000 m hohe Pässe hat der liebe Gott dem heiligen Jakobus in den Weg gelegt. Den ersten (1300 m) leiern wir bei überwiegend sachter Steigung noch "gemütlich", allerdings im dichten Nebel, hinauf. Am folgenden Tag fordert der zweite Pass uns schon mehr ab. Die Steigung auf den Cruz de Ferro (1500 m) ist in unserer Richtung auf der zweiten Hälfte des mehr als 15 km langen Anstiegs so steil, dass in der brütenden spanischen Nachmittagshitze viel Schweiß rinnt. Doch wenige Höhenmeter unterm Pass belohnen wir uns am Abend mit einem schönen Plätzchen gleich neben dem zu dieser Tagesstunde schon verwaisten Pilgerpfad und genießen Sonnenuntergang und Ausblick. Gefrühstückt am nächsten Morgen wird dann direkt am Fuße des Cruz de Ferro, einem hohen Eisenkreuz, das in einem Berg aus Pilgersteinen steckt und zugleich der höchste Punkt auf dem Camino ist. Hier halten alle, wirklich alle für einen Fotostopp an. Wir wollen die Gelegenheit nutzen, um mal zu zählen, wie viele unterwegs sind. Doch bei 35 geben wir auf – zu stressig – es sind gerade mal 15 Minuten vergangen. Rechnet Euch selber aus, welche Massen da unterwegs sind und dabei ist noch nicht mal Hauptsaison.

oe2 6 1 oe2 6 1 oe2 6 1 oe2 6 1 oe2 6 1Wir verlassen die Provinz Galizien und erreichen Astorga, eine größere Stadt. Danach befinden wir uns schlagartig in einer weiten Ebene. Wir rasen förmlich entlang, der hier stärker befahrenen und oft mehrspurigen Fernverkehrsstrasse dahin. Denn hier teilen sich auf langen Abschnitten alle dieselbe Trasse, von den Pilgern bis zum 40-Tonner. Zum Glück gibt es einen schönen breiten Randstreifen für uns. Doch die Pilger, auf dem mal links und mal rechts der Straße führenden Wanderweg, tun uns leid. Hier muss es nun wirklich nicht viel Spaß machen zu Fuß unterwegs zu sein. Das sind mehrere Tagesetappen durch eine platt ebene langweilige Gegend mit wenig Chancen auf Schatten. Schon seit Wochen herrscht in Spanien eine Hitzewelle und die Temperaturen klettern Tag für Tag weit über die 30 Grad-Marke und im Unterschied zu uns bringt ihnen kein Fahrtwind wenigstens ab und zu Abkühlung.

oe2 6 1Wir gelangen nach Leon, der Hauptstadt der gleichnamigen spanischen Provinz, und genauso, wie bereits zuvor in Astorga steht im Stadtzentrum eine imposante Kathedrale. Doch beide darf man nur gegen eine beträchtliche Eintrittsgebühr von innen sehen. Wir finden es sehr unpassend für das Betreten von Kirchen bezahlen zu müssen und erst recht an einem Pilgerweg. So bleibt in unserer Erinnerung nur der äußere Anblick der Gemäuer und zumindest der ist auch sehr beeindruckt.

oe2 6 1Nach 5 Tagen und etwa 350 Pilgerkilometern verlassen wir kurz hinter Leon den Camino. Die Ebene ist uns einfach zu langweilig und so wenden wir uns Richtung Norden in die Bergwelt des Picos de Europa. Schnell rücken die Berge immer näher und schon sind wir mittendrin zwischen den wunderschönen "Gipfeln Europas", einem Kalksteingebirge mit vielen über 2000 m hohen Gipfeln. In dem vielbesuchten Nationalpark scheint, trotz des seit Wochen schon sommerlichen Wetters, gerade erst die Saison zu beginnen. Auf den ersten zwei Campingplätzen hat man jetzt Mitte Juni, gerade erst geöffnet und ist noch dabei die Spuren des Winterschlafs zu beseitigen. Da haben wir aber wieder mal ein gutes Timing. Ein paar Tage eher hätten wir noch vor verschlossenen Plätzen gestanden und in einem Nationalpark wild zelten ...!?

oe2 6 1 oe2 6 1Bei Santa Marina de Valdeon (in Spanien heißt fast jeder Ort de ....! - sehr umständlich) lassen wir uns nach einer mühevollen Anfahrt mit steilen Anstiegen für zwei Tage auf dem Zeltplatz El Cares in 1200 m Höhe nieder. Es lohnt sich, denn der Platz liegt einfach herrlich und ist umgeben von einem tollen Bergpanorama. Uns lockt die nahe Garganta del Cares, eine spektakuläre Schlucht mitten durch das Massiv der Picos. Wir kennen sie bereits von einem motorisierten Winterurlaub zum Jahreswechsel 2006/07 hier in der Gegend. Doch wir müssen erst eine Weile unseren inneren Schweinehund bekämpfen, denn die Fahrt zum 13 km entfernten Ausgangspunkt der Wanderung wird uns fast 800 Höhenmeter mit bis zu 20% Steigung bescheren. Die Hinfahrt ist kein Problem: immer schön bergab – aber zurück …! Wir nehmen die Umstände in Kauf und machen uns auf den Weg. Schon die Fahrt zum Startpunkt in Cain de Valdeon ist landschaftlich ein Erlebnis. In dem kleinen Gebirgsdorf ist dann Endstation für alle Fahrzeuge. Von hier aus geht ein gut ausgebauter Weg oberhalb des Rio Cares entlang, der sich hier tief in die Bergflanken eingeschnitten hat. Unterwegs werden einige Tunnel passiert und Brücken queren das Tal. Die Felsen ragen steil empor und es bieten sich viele traumhafte Aussichten. Wir sind an einem Sonntag unterwegs und der Weg ist gut besucht. Doch glücklicherweise hält der Ansturm sich in Grenzen. Wir fragen uns jedoch, wie lange es wohl noch dauern wird, ehe man hier nur noch nach einer Eintrittsgebühr lang wandern darf – … hoffentlich noch lange! Nach etwa der Hälfte des insgesamt 12 km langen Weges weitet sich das Tal etwas und somit ist auch der spannendste Abschnitt beendet. Angesichts unserer noch bevorstehenden beschwerlichen Rückfahrt kehren wir hier wieder nach Cain um. Vor der Rückfahrt zum Zeltplatz machen wir uns noch bei einem kühlen Bierchen gegenseitig Mut. Doch da wir ja wissen, was da auf uns zu kommt, ist es dann zumindest mental nicht mehr so schwierig. Zudem sind wir ja auch nur mit ungewohnt leichtem Tagesgepäck unterwegs.

oe2 6 1 oe2 6 1Weiter geht es mitten durch die Berge nach Potes. Der Ort liegt am östlichen Rande des Nationalparks. Auf halbem Wege ergibt sich die Möglichkeit auf einer unbefestigten Piste auf einsame Wege abzubiegen. Das Richtige für uns – auf normalen Straßen kann ja schließlich jeder unterwegs sein und wir sind doch nicht jeder! So bezwingen wir einen weiteren Pass. Die darauffolgende Abfahrt bringt unsere Bremsen zum Qualmen und wir hoppeln mit gerade mal 5 km/h talwärts. Im Talkessel von Fuente De erreichen wir dann wieder Asphalt. Hier gibt es eine Seilbahnstation von der die Teleferica hinauf zu einem über 1800 m hohen Aussichtspunkt schwebt. Doch wir düsen ohne Pause mit Rekordtempo reichlich 20 km weiter bis nach Potes, denn über den Gipfeln stauen sich bedrohlich aussehende Wolken. Der Ort ist ein guter Ausgangspunkt für Touren in die Picos und daher reichlich frequentiert von Touristen. Die urigen Steinhäuser mit blumengeschmückten Fenstern und Balkonen erinnern uns etwas an die Alpenorte in der Schweiz. Doch wir steuern schnell den stadtnahen Campingplatz an und sitzen bei den ersten Tropfen des herannahenden Unwetters gemütlich mit einem Feierabendbier unter einem trockenen Dach.

oe2 6 1 oe2 6 1Obwohl der nächste Tag wieder sonnig beginnt, stimmen uns die Wetterprognosen pessimistisch, denn weiterer Regen wird angekündigt. Da die Vorhersagen für die nicht weit entfernte Nordküste besser klingen, beschließen wir die Berge zu verlassen und den Atlantik anzusteuern. Dazu geht es zunächst von Potes durch die 20 km lange Hermida-Schlucht. Wirklich eindrucksvoll windet sich die Straße neben dem Rio Deva durch eine enge Kluft, in der die Felsen viele hundert Meter hoch hinaufragen. Leider bietet die Straße nur wenig Ausweichstellen und ist recht befahren. So können wir das alles nur während der Fahrt bewundern.

oe2 6 1Später geht es auf kleinen Nebenstraßen mal auf und mal ab bis zur Atlantikküste. Und mit einem Mal ertönt es wieder: "Buen Camino!" - wir sind auf dem Jakobs-Küstenweg. Es scheint so, als ob ganz Spanien ein einziges Pilgerland ist. Doch auch der Camino del Norte hat ein ordentliches Wegprofil mit vielen Steigungen. Und so geht es um Buchten herum mit flachen Stränden und vorbei an steilen felsigen Küstenabschnitten. Links das Meer und rechts hinter uns in der Ferne sind noch immer die Gipfel des Picos de Europa zu sehen. Die meisten Orte entlang der Küste bestehen scheinbar überwiegend aus Ferienwohnungen. Wir durchfahren das alte Fischerdorf San Vicente de la Barquera und müssen bei der darauf folgenden Suche nach einem Zeltplatz heftig schlucken, denn die Preise, auf den meist rammelvollen Plätzen sind heftig – dafür kann man ja fast ein Hotelzimmer bekommen. In dem kleinen Küstenort Comillas finden wir dann aber noch etwas Passendes. Dennoch fühlen wir uns in dieser Urlauberregion nicht so richtig wohl.

oe2 6 1In der Stadt Torrelavega nutzen wir die Möglichkeit und suchen einen großen Fahrradladen auf. Petras Hinterradfelge macht keinen guten Eindruck mehr und wir befürchten, dass sie in absehbarer Zeit ihren Dienst quittiert. - nicht Petra, sondern die Felge! Natürlich wird das vorhandene Material gefahren, bis es nicht mehr geht und so kommt zunächst der Neukauf zu unserem Gepäckberg hinzu.

Der längste Tag des Jahres wird wirklich irre heiß. Inzwischen ist unser Zeitgefühl an spanische Verhältnisse angepasst und wir schaffen es 5 vor 2 (14:00 Uhr schließen hier die meisten Läden bis zum Abend) noch ausreichend kühle Getränke für die lange Siesta im Schatten zu ergattern.

Wir wenden uns wieder landeinwärts und damit auch wieder hinein in bergige Regionen. Es geht durch ein Gebiet mit auffallend vielen Tafelbergen. Aus den grünen bewachsenen Hängen ragen steile felsige Gipfel heraus – eine Ausflugsregion. Es gibt viele Informationstafeln und Wanderwegausschilderungen. In Puentedey hat der Fluss Nela eine natürliche Brücke durch das Gestein gebildet.

oe2 6 1 oe2 6 1Nun stoßen wir auf den Ebro, dem zweitgrößten Fluss der iberischen Halbinsel und folgen ihm zwei Tage ein Stück auf seinem Weg. Die Straße ist ruhig, denn auch hier gibt es eine nahe neugebaute Autovia, und das Flusstal ist abwechselnd weit und dann wieder spektakulär eng mit steilen Felsen. Eine schöne Gegend zum Radfahren. Es muss tatsächlich in den Picos, wo der Ebro seine Quelle hat, zu den angekündigten Regenschauern gekommen sein, denn der Fluss ist reißend und voll mit schlammig brauner Brühe. Auch die kleinen Stauseen im Flussverlauf sind randvoll. In Frias überspannt eine neunbögige und mit einem Turm versehene mittelalterliche Brücke den Ebro. Frias ist mit gerade mal reichlich 200 Einwohnern die kleinste Stadt Spaniens und die Ansicht der Oberstadt auf einem steil aufragendem Felsrücken mit den mehrgeschossigen Fachwerkhäuser und den Ruinen einer mittelalterlichen Burg ist sehenswert. Im Ort findet gerade ein mehrtägiges Fest statt. Als wir ihn am Nachmittag besichtigen wirkt er jedoch eher verschlafen – ist ja auch Siestazeit. Schnell fällt aber beim genaueren Betrachten auf, dass hinter den Fassaden des touristischen Bereiches der Zerfall sehr nagt. Der nahe große Zeltplatz wirkt wie fluchtartig verlassen und ist zugemüllt und so lassen wir uns einfach auf der anderen Flussseite auf einem erhöhten Rastplatz für die Nacht nieder, in der wir dann bis zum Morgengrauen die Klänge, des nun auf Hochtouren laufenden Festes vernehmen können.

oe2 6 1 oe2 6 1Dann aber erreicht der Ebro – und wir das Weinanbaugebiet Rioja, eines der bedeutendsten Europas. In weiten Schleifen umfließt er die Weinberge mit ihren Bodegas. Die Schulferien in Spanien beginnen und somit sind die Zeltplätze fest in der Hand von Familien und vielen Kindern – nichts für uns. Zudem klingt auch der Wetterbericht nicht sehr sonnig. Also gönnen wir uns seit langem mal wieder eine feste Unterkunft. In Santo Domingo stoßen wir wieder auf den Jakobsweg. Wir richten uns in einem kleinen Apartment – einem Luxuspilgerquartier für ein paar Tage ein und feiern in aller Ruhe Mathias´ Geburtstag.

Schon während der Ruhetage in Santo Domingo ist das Wetter sehr unbeständig. Strahlendem Sonnenschein folgen dunkle Wolken und Regenschauer und das immer schön abwechselnd. Bei unserer Weiterfahrt hoffen wir auf Besserung, doch vergeblich. Die Sonne macht sich immer rarer und nun sinken auch noch die Temperaturen rapide in den Keller. Nach den vielen hitzigen Wochen zuvor ist diese Erholungsphase für die Natur sicher nicht schlecht, doch wir finden es einfach blöd.

oe2 6 1Wir durchfahren Logrono und kurven durch die kleine urige Altstadt von Viana. Es geht durch eine weite hügelige Gegend voller Weinfelder und man kann oft schon lange im Vorraus den Wegverlauf erkennen oder die Pilger zwischen den Feldern herumtrippeln sehen. In Estella biegen wir mal wieder vom Camino ab.

oe2 6 1Bis zur französischen Grenze ist es nicht mehr weit, doch zuvor wollen wir noch eine letzte Ehrenrunde durch das nördliche Spanien drehen. Die nächsten 4 Tage geht es nun durch das spanische Baskenland. Das ist wahrscheinlich die fahrradfreundlichste Gegend auf unserer Strecke. Auch hier gibt es mehrere Radstrecken auf ehemaligen Bahntrassen mit reichlich Rast- und Informationspunkten. Durch viele der Orte führen unübersehbar markierte Radspuren. Ungewohnte Laute bekommen unsere Ohren zu hören. Hier redet man baskisch - kaum eine Ähnlichkeit mit dem spanischen und auch die Orts- und Hinweisschilder sind alle zweisprachig. Die Bewohner der Gegend machen einen ausgesprochen freundlichen Eindruck auf uns und wirken auch recht aufgeschlossen. Mit einer Baskenmütze haben wir aber niemanden getroffen. So fahren wir durch das eine Flusstal bis in die Nähe der Küste, passieren einen kleinen Bergpass, um im Nachbartal auf einem weiteren Bahndammradweg durch viele Tunnel und über ehemalige Eisenbahnbrücken Richtung Süden zurückzufahren. Das Tal ist auf einem langen Stück sehr eng und wild und bietet keinen Platz für Straßen oder Siedlungen. Um uns herum dichter Wald und so erschrecken wir erstmal tüchtig, als vor uns am Wegrand ein Wildschwein sein Verdauungsschläfchen macht. Wir trauen uns nicht so richtig vorbei und warten ab. Als es sich dann aber doch davon trollt, müssen wir beschämt feststellen, dass wir vor einem der hier dunklen Hausschweine zurückgewichen sind - wie peinlich.

oe2 6 1Nach fünf grauen Tagen strahlt endlich die Sonne wieder von einem wolkenlosen Himmel und zugleich hat die Hitze uns wieder fest im Griff. Kurz vor Pamplona lockt es uns auf einen netten und kaum besuchten, allerdings nicht ganz preiswerten Zeltplatz. Doch werden wir abermals enttäuscht, als am späten Abend, genau auf unserer bis dahin einsamen Wiese eine ungarische Busreisegesellschaft, samt dazugehörigem Campingbedarf, ausgeladen wird. So schnell können wir gar nicht gucken, wie wir von einer unübersehbaren Anzahl von Zelten umzingelt sind. Wir sind zunächst fassungslos über das Managment des Campingplatzes. Er hat so viel Platz zur Verfügung und quartiert uns mit dieser Meute zusammen auf ein schmales Fleckchen. Wir müssen aber zugunsten der Gruppe sagen, dass sie sich sehr ruhig und rücksichtsvoll verhalten haben und in aller Hergottsfrühe haben sie still und heimlich das Feld wieder geräumt. Dennoch ist unser Mißtrauen gegenüber Campingplätzen nun noch größer.

Pamplona erreichen wir mitten in den Vorbereitungen zum größten Volksfest des Jahres, der Ferria de San Fermin. Alljährlich im Juli finden hier die einwöchigen Stierkämpfe und das dazugehörige Spektakel des allmorgendlichen Stiertreibens durch die engen Gassen der Stadt in die Arena statt - begleitet von lebensmüden Möchtegerntorreros. Einen Tag vor Beginn des Festes wimmelt es in der Stadt schon von unzähligen Besuchern. Überall werden große massive Absperrungen errichtet und gefährtete Schaufenster verbarrikadiert. An jeder Ecke gibt es die passenden Souvenirs zu erwerben und für das leibliche Wohl der Gäste wird natürlich auch gesorgt. Die Stadt hat sicher noch viel mehr Sehenswertes zu bieten, wie auch eine gut erhaltene beeindruckende Stadtmauer, doch für einen längeren Aufenthalt ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt. Und mit Stierkampf, einem für uns eher zweifelhaften Zeitvertreib, haben wir einfach nichts am Hut.

oe2 6 1 oe2 6 1Kurz hinter Pamplona verlassen wir endgültig den Jakobsweg: Adios Camino! Adios Peligrinos! Viele hunderte von Kilometern sind wir ihm gefolgt, doch während er nun weiter nördlich zur französischem Grenze führt, fahren wir Richtung Osten auf die Berge der Pyrenäen zu.

oe2 6 1Einen reichlichen Monat und etwa 1500 km waren wir unterwegs durch Nordspanien und haben uns pudelwohl gefühlt. Ein schönes Radelgebiet, mit vielen Möglichkeiten, um auf ruhigen Straßen die abwechslungsreicher Natur dieser Region erleben zu können. Adios Espania!

Drei Tage später bezwingen wir - im Gepäck haben wir noch ein paar Tropfen von dem uns liebgewordenen spanischen Wein - unseren ersten fast 2000 m hohen Pass in den Pyrenäen und überfahren dabei gleichzeitig und fast unbemerkt die Grenze nach Frankreich. Die Tour de France erwartet uns!