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Südmarokko

28. Februar - 21. März 2017bikeroute

Agadir - Tafraoute - Tata - Foum Zguid - M'hamid

Bisher geradelte Strecke: 811 km

Wir sind nicht das erste Mal in Marokko. Unsere letzte Reise hier mit dem Fahrrad liegt nur drei Jahre zurück. Damals fuhren wir fast 2000 km durch dieses vielgesichtige wunderschöne Land (Reisebericht hier) und die etwa 6 Wochen reichten bei weitem nicht aus, um alle Highlights des Landes kennenzulernen. Diesmal haben wir mehr Zeit und zudem ist das Land klimatisch bestens dazu geeignet, hier mit unserer Tour zu beginnen. Denn nach nur 4 Stunden Flug, sind wir dem deutschen Winterwetter entkommen und geradewegs im Sommer gelandet.

Zunächst bleiben wir drei Tage in Agadir, der Touristenstadt an der Küste, um uns etwas einzugewöhnen. Das fällt uns nicht schwer, denn hier ist alles auf Touristen ausgerichtet, nach unserem Geschmack fast etwas zu viel, denn von dem ursprünglichen Marokko ist in der wahrscheinlich modernsten Stadt Marokkos nicht viel zu spüren. Die viele Kilometer lange Strandpromenade ist geprägt von großen Hotelanlagen, Restaurants für alle Geschmäcker, fliegenden Händlern, Souvenirverkäufern und Anbietern von verschiedenstem Spaßequipment. Die Urlauber flanieren und zeigen sich, häufig mit, entgegend der muslimischen Kultur, viel zu wenig Stoff auf der Haut und im Gegensatz zu uns mit scheinbar wenig Angst vor Sonnenbrand.

oe2 1 1 oe2 1 1 oe2 1 1Wir radeln hinauf in über 200 m Höhe, zu den Ruinen der ehemaligen Kasbah und genießen den Blick über die Küste und die Stadt, allerdings bei sehr diesigem Wetter, was hier jedoch typisch sein soll. Damit sind auch schon die Ausflugserlebnisse im Ort für uns nahezu ausgeschöpft. Es gibt aber noch etwas, dass uns magisch anzieht. Supermärkte, fast nach europäischem Standard, jedenfalls wenn man alle Augen zudrückt. Wir wissen aus Erfahrung, dass es diese im Inland nicht gibt und so durchstöbern wir sie akribisch, nach allem Brauchbaren für unsere Tour. Im dunklen Kellerwinkel des Carrefourmarktes entdecken wir auch noch den Teil des Ladens mit alkoholischen Waren und schlagen noch einmal beim Bierangebot zu. Es wird vermutlich das letzte für viele Tage, wenn nicht gar Wochen, sein.

oe2 1 1Unser erstes größeres Ziel südöstlich von Agadir ist der Ort Tafraoute. Er ist keine 200 km entfernt, aber 1000 m höher gelegen und auf dem Weg dorthin gilt es einen deutlich noch höheren Pass zu überwinden. Keine leichte Aufgabe so zu Beginn unserer Tour, nach den vielen Wochen Trägheit im heimischen Domizil. Doch es rollt besser als gedacht. Wir lassen uns Zeit. Auf drei Radeltagesetappen gelangen wir hinein in die Bergwelt des Antiatlas - dem Kleinen Atlas. Sie ist die südlichste der drei marokkanischen Atlasgebirgsketten und zunächst auch noch durch recht fruchtbare Landschaft geprägt. Die Straße windet sich auf und ab entlang der Bergketten, hin und wieder, vorbei an einem, auf einem Hügel thronenden Berberdorf.

oe2 1 1 oe2 1 1 oe2 1 1Endlich kommt die ersehnte Passhöhe (1 685 m). Die restlichen knapp 20 km hinunter nach Tafraoute fliegen wir regelrecht durch das Tal der Ammeln, das seinen Namen von einem hier lebenden Berberstamm hat, deren Frauen sich in schwarze raffiniert gewickelte Röcke kleidet, deren Säume stets farbig und oft glitzernd abgesetzt sind. Das Tal ist sehr fruchtbar und herrlich grün, auf Grund einiger, allerdings nur im Winter wasserführenden Flüsse. Mit den rotbraunen Berberhäusern zwischen vielen Palmen und von fast 2000 m hohen Felswänden überragt bietet es eine tolle Kulisse. Tafraoute ist touristisch gut erschlossen. Wir mieten uns zwei Tage in einem kleinen Hotel ein und entdecken in der Umgebung weitere lohnenswerte Ecken, wie den steinernen Napoleonshut und die Painted Rocks - die Bemalten Felsen. Über eine Fläche von mehreren Quadratkilometern finden wir eine Landschaft vor, die uns an Nationalparks in Amerika erinnert und wir sind begeistert. Die von einem Künstler farbig gestalteten Felsen, finden wir dagegen absolut unpassend und wahrscheinlich sind wir damit nicht die Einzigen, denn viele haben sich auf der Kunst verewigt und darauf herumgekritzelt. Nun, über Kunst kann man sich ja bekanntlich streiten, wir sind jedoch friedfertig und so versuchen wir einfach darüber hinwegzusehen und stattdessen die tolle Natur zu genießen.

oe2 1 1 oe2 1 1 oe2 1 1Bei unserer Weiterfahrt machen wir einen Umweg durch die Ait Mansour Schlucht. Dazu müssen wir aber erst wieder 700 Höhenmeter erklimmen. Doch das ist es wert. Denn zur Belohnung windet sich danach eine kleine Straße über 20 km durch einen engen Canyon, der in eine traumhaft schöne Dattelpalmenoase mit orangeroten Felswänden mündet. Fotomotive ohne Ende.

oe2 1 1 oe2 1 1 oe2 1 1 oe2 1 1Die weiterführende Straße von Tafraoute nach Tata führt uns 2 Tage auf und ab durch eine nur wenig besiedelte Gegend, die nur selten von Oasenorten unterbrochen wird. Hier hüllen sich die Berberfrauen von Kopf bis Fuß in farbenfrohe recht bunte Tücher die im Wind flattern. In puncto Kleidung scheint jeder Stamm also seine Eigenarten zu haben. Die Landschaft wechselt meist völlig abrupt. Eben fahren wir noch durch ein total ödes Hochplateau, da geht es plötzlich in vielen Serpentinen steil hinab in ein Tal, mit Palmen bestanden und mit spektakulären Felswänden. Ja, Marokko hat vieles zu bieten.

oe2 1 1 oe2 1 1In Tata nutzen wir zum ersten Mal einen Campingplatz, die es hier im Land für die vielen europäischen Wohnmobilfahrer gibt. Zum Glück findet sich ein Plätzchen, dass für die großen Gefährte viel zu eng, aber für uns gerade recht ist. Der Kontakt zu den anderen überwiegend französischen Reisenden beschränkt sich aber auf wenige Floskeln, denn unser französisch ist, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht der Rede wert. Was in diesem Land um so bedauerlicher ist, da dies auch von der marokkanischen Bevölkerung viel benutzt und zudem in den Schulen gelehrt wird.

Hinter Tata wird das Land flach. Wir verlassen das Atlasgebiet und fahren nun drei Tage durch einsame Wüstengegend. Es geht ziemlich flott voran, einzig der Wind versucht uns hin und wieder auszubremsen, doch zum Glück nur sehr halbherzig. Der ohnehin bis jetzt sehr spärliche Verkehr beschränkt sich nun gefühlt auf ein Auto in der Viertelstunde. Doch man glaubt es kaum, selbst diese trostlose Gegend hält Überraschungen bereit. Nur wenige hundert Meter neben der Straße und nur über eine unscheinbare Schotterpiste zu erreichen befindet sich ein kleiner Canyon, dessen Flussbett nicht nur mit Wasser gefüllt ist, sondern in dem auch Miniwasserfälle und kleine Stromschnellen das hier so seltene Nass sprudeln lässt. Nein, keine Fatamorgana - in echt. Ohne eine Beschreibung dessen im Internet, wären wir unweigerlich und unbemerkt daran vorbeigefahren. Doch so nutzen wir den Ort für unser Nachtlager unter einem von Sternen übersäten Himmel und es fühlt sich an wie im Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

oe2 1 1 oe2 1 1 oe2 1 1Am darauf folgenden Tag kommen wir nach Foum Zguid, dem einzigen größeren Ort weit und breit und dessen Abgeschiedenheit natürlich auch Anlaufpunkt von Touristen ist. Auf einem kleinen Campingplatz genießen wir einen Ruhetag, bei noch immer, nun schon mehr als zwei Wochen anhaltendem, schönsten Sommerwetter. Nur ein Bierchen fehlt uns zum Glück, doch so futtern wir eben Unmengen an Mandarinen und Orangen in uns hinein, denn dafür ist hier Hochsaison und die total leckeren Früchte sind zu absoluten Schnäppchenpreisen zu bekommen. Für Vitaminnachschub ist also gesorgt.

Wir haben uns nun eine schwierigere Etappe vorgenommen: Es geht von Foum Zguid nach M’hamid, von einer Oasenstadt zur nächsten, 150 km durch ausgetrocknete Flussläufe - sogenannte Wadi, über Stock und Stein, über karge Geröllfelder mit vielen mal großen und mal kleinen Steinen, entlang von Bergen und Dünen. Über eine Piste, die nur für Fahrzeuge mit Allradantrieb befahrbar ist. Und am Erg Chegaga vorbei, der größten Sandwüste von Marokko.

Nur wenige Meter vor den Toren von Foum Zguid verlassen wir, die Taschen voller Proviant und alle geeigneten Behältnisse voller Wasser, die gut ausgebaute Straße und biegen auf eine üble, wirklich ganz üble Schotterpiste ab. Und schon auf den ersten Kilometer beginnen wir an unserem Plan zu zweifeln, denn zu den holprigen Widrigkeiten kommt auch ein heftiger, wirklich ganz heftiger Gegenwind hinzu, dem wir uns nicht nur entgegenstemmen müssen, sondern der uns auch jede Menge Sand um die Speichen fliegen lässt und eine Tätigkeit, die sich RadFAHREN nennt, fast unmöglich macht. Wir quälen uns mühsam vorwärts und als wir gegen Mittag eine einigermaßen windgeschützte Stelle erreichen geben wir, nach nicht mal 15 km, auf. Wir entdecken in der Nähe einen Brunnen mit genießbarem Wasser und beschließen erstmal abzuwarten und in der Nacht über unser Vorhaben nachzudenken.

oe2 1 20 oe2 1 20 oe2 1 20Doch auch am nächsten Morgen ist der Wind noch voll gegen uns. Dennoch wollen wir die Weiterfahrt versuchen. Es scheint etwas besser voran zu gehen, doch vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns nun auf die Situation besser eingestellt haben. Am Nachmittag erreichen wir den Lac Iriki – einen riesigen, ausgetrockneten See. Die etwa 20 km lange Überfahrt auf der ungewohnt glatten Fläche geht dann wieder etwas zügiger, denn hier kann man bei 10 km/h von zügig reden, und man kann sogar längere Zeit auf dem Sattel sitzen, wenn da nur nicht dieser blöde Wind wäre. Doch, auch wenn man es überwiegend denken mag, man ist hier in dieser Einöde nicht allein. Immer mal wieder sieht man, mal näher und mal weiter entfernt, Jeeps vorbei rumpeln. Die meisten gehören Touranbietern, die Touristen herumfahren.

oe2 1 20 oe2 1 20 oe2 1 20 oe2 1 20Wir sehen so nach und nach ein, dass sich hier kein geschütztes Plätzchen für die Nacht finden lassen wird und so steuern wir ein paar einfache Auberges mitten auf dem See an. Die rührigen Betreiber kurven ohnehin schon eine Weile mit ihren Mopeds um uns herum, um uns anzulocken. Im Nichts stehen da kleine massive kasbahartige Gebäude, in der Hoffnung ein paar vorbeikommende Offroadfahrer versorgen zu können. Um einen kleinen Innenhof sind eine Handvoll Räume gruppiert. Die Ausstattung ist sehr einfach. Das Wasser kommt aus Kanistern von weit entfernten Brunnen und Strom gibt es von der Sonne. Der Betreiber gibt sich große Mühe, macht sogar das Wasser für uns zum Waschen warm und serviert uns ein, angesichts dieser Einöde, recht schmackhaftes Abendbrot aus Salat und Omelette. In der Nacht sind wir dann allein in unserer Miniburg und es scheint fast, als ob der Wind auch langsam müde wird.

oe2 1 20 oe2 1 20Man sollte aber auf keinen Fall glauben, hier einfach einer Piste folgen zu können, denn davon gibt es zu viele. Sie verlaufen kreuz und quer, teilen sich manchmal, um sich später wieder zu vereinen. Scheinbar sucht sich hier jeder Fahrer die beste Möglichkeit, um durchzukommen. Ohne Plan hier drauf loszufahren, würde Allahs Hilfe womöglich zu sehr strapazieren und die Berber hätten eine weitere Gruselgeschichte von verdursteten Touris zu erzählen, die nicht ihre Hilfe in Anspruch genommen hatten. Sicher wäre das gut für ihr Geschäft, aber eben blöd für die Verirrten. Wir jedenfalls passen höllisch auf und checken lieber einmal mehr, als nötig, mit Hilfe des GPS und der Karte im Handy unseren Standort. Nun beweißt sich unsere neueste Errungenschaft, gegen die wir uns so lange gesträubt hatten, als echt praktisch.

oe2 1 20Wichtig ist auch die wenigen Möglichkeiten für das Auffüllen der Wasservorräte nicht zu verpassen, denn wenn schon kein Bier in Reichweite ist, sollte wenigstens genug Wasser da sein. Auf eine regelmäßige Dusche müssen wir ohnehin verzichten, denn das würde unsere Transportmöglichkeiten doch sehr übersteigen und was nützt es schon, zwar verdurstet, aber schön sauber zu sein. Der ständig herum wirbelnde Sand macht sowieso jede Reinlichkeit binnen kurzem wieder zunichte.

Der vierte Tag ist endlich windfrei, aber daher auch gleich viel wärmer. Wir erreichen am frühen Vormittag Source Sacré - die heilige Quelle. Von vielen grünen Palmen und Akazien umgeben, erscheint mitten im trockenen Wüstensand ein kleines Bächlein. Eine richtige Bilderbuchoase inmitten der Wüste. Die Quelle soll den Kamelkarawanen schon seit jeher als Rastplatz dienen. Die umgebenden Gebäude machen jedoch einen verlassenen Eindruck und wir sind ganz allein.

oe2 1 20Später ziehen dunkle Wolken über die nahen Berge und es beginnt bedrohlich zu rumpeln. Nun, ein Gewitter in der Wüste erlebt man nicht aller Tage, aber wenn die höchste Erhebung weit und breit ein gerade mal 10 cm hohes vertrocknetes Büschlein neben einem ist, dann will man eigentlich gerne auf dieses Erlebnis verzichten. Wir versuchen krampfhaft irgendwo Schutz zu suchen, doch ergebnislos. Doch wir haben Glück. Das Unwetter zieht knapp an uns vorbei. Die Niederschlagsmenge beträgt etwa 1 Tropfen pro Quadratmeter, statt dessen werden wir wieder mal tüchtig eingestaubt. Als wir gerade beginnen uns wieder in Sicherheit zu wiegen, fordert uns ein Insasse eines vorbeikommenden Jeeps auf, doch lieber eine schützende Stelle aufzusuchen, denn ein naher Sandsturm könnte hierher ziehen. Wir folgen mit den Augen seinem weisenden Finger und tatsächlich nähert sich dort eine bedrohlich dunkel wirkende Wand und die Sonne verschwindet hinter einem Dunstschleier. Ja, aber wo findet man vor einem Sandsturm Schutz? Davon haben wir nun wirklich keine Ahnung. Wir haben inzwischen ein Gebiet erreicht, indem es statt Geröll vermehrt Sand gibt und dazwischen behaupten sich ein paar Gewächse, die man durchaus als Bäume betiteln kann. In der Nähe von einem warten wir ab und auch diesmal scheint das Unheil an uns vorbei zu ziehen, stattdessen suchen wir im Schatten des Baumes Schutz, denn auch die Sonne kommt wieder mit voller Kraft hervor. Bis zum Ausgang aus dieser Wüste, dem Oasenort M’hamid ist es nicht mehr weit, doch wir wollen noch eine letzte Nacht hier unterm Wüstenhimmel verbringen. Am Abend sitzen wir an einem kleinen Feuer, über uns der endlose sternenklare Wüstennachthimmel und so ohne Wind macht sich auch eine unglaubliche Stille bemerkbar, da fühlt man sich plötzlich sehr winzig.

oe2 1 20 oe2 1 20 oe2 1 20 oe2 1 20Nur reichlich 10 km gilt es an unserem letzten Wüstentag zu bezwingen und wir gehen es mit Ruhe an, doch wenn wir gewusst hätten, was uns da erwartet .... Tiefsand, vom feinsten! Fahren geht gar nicht und schieben eigentlich auch nicht. Doch was sollen wir machen, irgendwie müssen wir da durch. Immer nach der besten Möglichkeit suchend, würschen wir mit aller Kraft die Räder kreuz und quer durch die Sandhaufen. Da verhallt so mancher Flucher ungehört in der endlosen Weite.

oe2 1 20Totale Erleichterung macht sich breit, als die ersten Häuser von M’hamid auftauchen und wenig später wieder Asphalt unter den Rädern ist. In einem kleinen Straßenrestaurant belohnen wir uns mit kühlen Drinks und sind auch ein wenig stolz auf unsere Leistung.

Ob man diese Tour nun unbedingt mit dem Rad machen sollte oder nicht, darüber lässt sich sicher streiten. Doch wir werden sie ganz sicher in fester Erinnerung behalten.